Frankfurter Tor

Herzlichen Dank an den Herausgeber Thomas Heubner für die freundliche Genehmigung.

Vor knapp 300 Jahren war das Frankfurter Tor wahrlich keine U-Bahn-Station, sondern ein echtes Stadttor. Hier begann die Heerstraße nach Frankfurt, natürlich nicht zu der Banken-Hochburg im Hessischen, am Main gelegen, sondern zu der Stadt an der Oder, ein Katzensprung östlich von Berlin. Die Pforte in der Stadtmauer wurde 1716 etwa dort erbaut, wo die Weber- auf die Große Frankfurter Straße traf (heute ungefähr Strausberger Platz), anfangs noch aus Holz wie fast die gesamte Akzisemauer, und 1760, im Siebenjährigen Krieg, von russischen Kosaken überrannt.

Mit den Jahren wuchs die Stadt, dehnte sich aus und verschob auch ihre Stadtmauer. Das neue Frankfurter Tor stand nun weiter östlich, an der Das alte Zollhaus mit dem Frankfurter Tor (Fotos: Archiv Dr. Peter Franke)Kreuzung Fruchtstraße und Große Frankfurter (heute etwa Höhe U-Bahnhof Weberwiese) und war ab 1802 massiv in Stein gebaut. Neben dem Tor befand sich das Zollhaus, davor eine hölzerne Bank, auf der der Steuereinnehmer saß, der mit einem langen Spieß sogar das Stroh der durchfahrenden Bauernwagen nach Schmuggelware durchsuchte. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fand sich auf der Mauerinnenseite kaum Bebauung, ärmliche Hütten, Wiesen und Felder prägten die Landschaft. Das Frankfurter Tor war erste Durchgangsstation für die Postkutschen nach Schlesien oder Ostpreußen, Mitreisende zahlten für eine Meile (= 7,42 km) sechs Groschen. Außerhalb der Mauer lagen die Friedhöfe der Parochial-, Petri- und Georgen-Gemeinde, und vor dem Tor (heute Ecke Petersburger Straße) befand sich auch die Neue Welt, ein Bier- und Vergnügungslokal, bei den Berlinern und vor allem bei Gaunern und Ganoven beliebt. Mit dem Abriß der Akzisemauer verschwand 1867 auch das Frankfurter Tor, an den gleichnamigen Platz erinnerte seitdem nichts mehr, obwohl er noch bis in die 20er Jahre auf Stadtplänen eingezeichnet war.

Das alte Zollhaus mit dem Frankfurter Tor (Fotos: Archiv Dr. Peter Franke)


Kreuzung Große Frankfurter Straße / Petersburger und Warschauer Straße, 1907

Seinen neuen alten Namen erhielt das Frankfurter Tor im November 1957, nunmehr fast einen Kilometer nach Osten gerückt. Dem vorausgegangen war die Neugestaltung der Großen Frankfurter Straße nach dem Zweiten Weltkrieg, die als Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) als sozialistischer Prachtboulevard ausgebaut werden sollte. 1952 war ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben worden, in dem es hieß, daß die besondere Bedeutung des Platzes darin zu sehen wäre, »daß er den vom Osten Kommenden den ersten städtebaulichen Akzent der ersten sozialistischen Straße vermittelt«. Ursprünglich war der Entwurf des Architekten Hanns Hopp favorisiert, doch als Sieger gekürt wurde Herman Henselmann, der u. a. schon die beiden Hochhäuser am Strausberger Platz projektiert hatte. Diese bilden mit dem zwischen 1954 und 1969 bebauten Frankfurter Tor die städtebauliche Klammer für die heutige Karl-Marx-Allee, wobei die beiden prächtigen Turmhochhäuser an der Westseite des Platzes längst zum alles überragenden Wahrzeichen Friedrichshains geworden sind und tatsächlich wie ein Stadttor wirken. Sowohl mit den Säulenkränzen der Türme und ihrer kupfergedeckten Hauben als auch mit den verwendeten Materialien, Proportionen und Gliederungselementen lehnte sich Henselmann an die barock-klassizistischen Kuppeltürme von Gontard am Gendarmenmarkt an. Auch in der Erdgeschoßzone mit den monumentalen Säulendurchgängen oder in der Traufzone wurden historische Elemente verwendet.

Entwurf des Architekten Hanns Hopp

Im Sockel der beiden Turmbauten sollten Eingänge zur U-Bahn führen, Treppenanlagen sind sogar gebaut, jedoch unter Betondecken verborgen. Im Südturm ist heute eine Bar untergebracht, auf der Nordseite gibt es seit 1965 die Galerie im Turm. Nur der Nachbar, eine Kleintierhandlung mit der wunderschönen Zierfische-Leuchtreklame an der Hauswand, zog vor ein paar Jahren aus. Die Kuppeln, ursprünglich für die Mieter als Gemeinschaftsräume gedacht, sind heute für die Öffentlichkeit geschlossen bzw. nur als »Lounges« für besondere »Events« zu mieten.

Das Haus auf der Ostseite des Platzes zeichnet sich durch einen übergiebelten Risaliten aus, doch wo einst die Kunden ins Warenhaus für Sport und Freizeit strömten, werden nun Second-Hand-Klamotten verramscht. Immerhin ist im Erdgeschoß noch das Wandgemälde »Die Holzfäller« des Malers Gabriele Mucchi zu bewundern. Und am Platz gegenüber, wo ein US-amerikanischer Boulettenhersteller jahrlang gähnende Leere hinterlassen hatte, erfreut nun erfrischende Mittelmeerküche die Friedrichshainer und Besucher.

Marlies Sparmann