Graudenzer Straße

Es gibt hier weder Supermarkt noch Tante Emma-Laden. Vergeblich sucht man Kneipe oder Imbiß, sogar Nagelstudio und Spätverkaufsstelle sind Fehl­anzeige. In der Straße bietet einzig und allein die Kiez­sauna sensationelle Abwechslung: nigelnagelneu, wun­derschön angelegt in einem ausgebauten alten Kellergewölbe am östlichen Ende der Straße und erst in diesen Tagen eröffnet. Genau dort, wo früher mal die Produktions- und Lagerräume einer Fleischerei waren, dann ein Luftschutzkeller und nach dem Krieg eine Wäscherei. Das Wellness-Refugium paßt sich harmonisch ein in die Kiezlandschaft, wo noch viele der Erstbewohner in Ruhe gut wohnen, scheinbar fernab vom Großstadttrubel und Szenelärm um die Ecke. Eine fast heimelige Straße im Hinterland der Karl-Marx-Allee, mit Spielplätzen zwischen sattgrünen Bäumen und Wiesen und mit gepflegten Blu­menrabatten vor den Häusern, von denen die Nummer 17 – das einzige Gebäude, das Krieg und Nachkrieg überlebte – mühelos den Stadtwettbewerb um die am schönsten bepflanzten Balkone gewinnen würde.

Eine lebhafte Hauptstraße war die Graudenzer nie, auch nicht nach den Gründerjahren, als sie im April 1891 ihren Namen erhielt. Aber im Unterschied zu heute ging es auf der engen Verbindung von Gubener und Lasdehner Straße vor 100 Jahren nicht nur besinnlich, sondern auch geschäftig zu: etwa im Tabak- oder Textilwarenladen, beim Bäcker, Schuster, Kohlen- und Gemüsehändler, in der Trink-Halle und den zwei, drei Kneipen oder im Haus Nr. 16, wo Richard Copernus Mehl & Colonialwaren offerierte und auch Kaffee, Tafelbutter, Eier und Konserven verkaufte. Äußerst unruhig wurde es in der Straße Anfang 1919, als der gesamte Berliner Osten von den Kämpfen erfaßt wurde, in denen die bewaffneten Arbeiter- und Soldatenräte versuchten, die Errungenschaften der Novemberrevolution zu verteidigen, hauptsächlich gegen Reichswehr und konterrevolutionäre Freikorpsverbände, die vom sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske mit zynischen Worten in Marsch gesetzt wurden: »Meinetwegen! Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!« Wie auf der Frankfurter und Stralauer Allee oder in der Tilsiter, Thaer-, Andreas- und Blumenstraße wurden auch in der Graudenzer Straße Barrikaden errichtet, und es kam hier ebenfalls zu Gewehr- und Geschützfeuer.

Häuser und Straße überstanden die Schießereien damals weitgehend unbeschadet – im Gegensatz zum Bombenhagel 25 Jahre später. Das Wenige, das von der schmalen dunklen Straße nach dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben war, wurde beim beginnenden Wiederaufbau weggesprengt. Etwas Neues sollte anstelle der Mietskasernen mit ihren Hinterhöfen entstehen: die Wohnzelle Friedrichshain, 1.900 Wohnungen im Grünen zwischen Stalinallee, Königsberger (heute Fredersdorfer) und Warschauer Straße (Siehe auch: Die Orte/S. 4 f.). Von dem Vorhaben, das auf Plänen von Stadtbaudirektor Hans Scharoun fußte, wurde nur wenig verwirklicht, weil sich seinerzeit das politische Umfeld für den Städtebau verändert hatte. Neben den beiden Laubenganghäusern in der Stalinallee gehörten dazu die südlich gelegenen acht Zeilenbauten, zwischen Hildegard-Jadamowitz- und Graudenzer Straße schräg angeordnete viergeschossige Wohnhäuser, von Helmut Riedel und Richard Paulick entworfen und von Ende 1949 bis Anfang 1951 erbaut.

Die Häuser als lebendige Zeugnisse der ersten städtebaulichen Nachkriegsplanung im Osten Berlins sind die eine Besonderheit der Straße, die andere ist ihr Name: benannt nach einer westpreußischen Stadt an der Weichsel, aber gelegen im einstigen »Ostpreußenviertel«, wie die Anwohner damals sagten. Dabei ist die Geschichte von Graudenz (heute polnisch: Grudziadz) nicht minder wechselhaft als die der Straße: Der Ort verdankt seine Gründung dem Deutschen Ritterorden und entwickelte sich im Mittelalter zu einem wichtigen Handelsplatz. Im 15. Jahrhundert ging Graudenz an die polnische Krone, nach der Ersten Teilung Polens (1772) gehörte es zu Preußen. Friedrich II. ließ eine Festung erbauen, die 1807 erfolgreich gegen die napoleonischen Truppen verteidigt wurde. Nach verlorenem Ersten Weltkrieg, aufgrund des Versailler Vertrags, wurde Graudenz von Deutschland abgetrennt und Polen zugeordnet. Zwei Tage nach dem Überfall Nazideutschlands auf Polen, am 3. September 1939, wurde die Stadt von der Wehrmacht besetzt und als Teil des Reichsgaus Danzig-Westpreußen ins Deutsche Reich eingegliedert. Im Frühjahr 1945 kehrte der Krieg zurück, die zur Festung erklärte Stadt kapitulierte am 6. März vor der Roten Armee. Fast zwei Drittel der Häuser von Graudenz waren zerstört, die meisten der ehemals rund 35.000 deutschen Einwohner flüchteten, wurden umgesiedelt bzw. vertrieben. – Deutsche Geschichte, an die eine unscheinbare Straße in Friedrichshain erinnert, die zum Glück von den Umbenennungskampagnen der letzten Jahrzehnte verschont blieb.

Thomas Heubner

(Fotos: Archiv Dr. Peter Franke)