Der Bersarinplatz

Lobby ist die landläufige Bezeichnung für eine Klientel, die Politiker – nun ja, verzichten wir auf das böse Wort »kaufen« – berät. Lobby wird aber auch der Vor- oder Empfangsraum eines Gebäudes genannt oder ein Wandelgang. Schlendert man beispielsweise über den Wandelgang um den Sitzungssaal im Berliner Abgeordnetenhaus, so kann man viele Bilder von ehrwürdigen Ehrenbürgern Berlins betrachten. Darunter ein großformatiges Schwarzweißfoto, das von Nikolai Bersarin, des ersten Berliner Stadtkommandanten nach dem Zweiten Weltkrieg. Es widerspiegelt eine lange und komplizierte Geschichte. Diese ist auch verbunden mit dem Platz, der nach diesem Mann benannt ist und der von 1895 bis 1947 Baltenplatz hieß, sowie mit jener Straße, die von 1874 bis 1947 und dann wieder ab 1991 den Namen des russischen St. Petersburg trägt.

In der Stadt an der Newa wurde Nikolai Erastowitsch Bersarin am 1. April 1904 geboren, sein Vater war Schlosser, die Mutter Näherin. Er, sein Bruder und die vier Schwestern mußten schon 1917 bzw. ein Jahre später den Tod des Vaters und der Mutter verkraften. Nikolai hatte Buchbinder gelernt und trat nach der Oktoberrevolution als Freiwilliger in die Rote Armee ein. Er kämpfte im Bürgerkrieg und war an der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands beteiligt. 1923 ließ er sich als Kommandeur nach Sibirien versetzen, heiratete 1925, aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Im Fernen Osten kommandierte Bersarin eine Schützendivision und hatte großen Anteil daran, daß 1938 am Chassan-See der japanische Angriff abgewehrt wurde. Auszeichnung mit dem Rotbannerorden, Aufstieg zum Generalmajor. Doch die bolschewistische Bilderbuchkarriere stockte. Denn den stalinistischen Säuberungen, die auch die Armeeführung betrafen, fielen Marschall Blücher und General Fedtko zum Opfer, denen Bersarin viel zu verdanken hatte. Er wurde denunziert, »mangelnder Klassenwachsamkeit« und »Geringschätzung des Politapparates der Armee« bezichtigt. Die Verdächtigungen hingen ihm noch an, als er sich 1941 ins Baltikum versetzen ließ, bis er 1944 mit seinen Truppen die deutsche Linie am Djnestr durchbrach und dafür zum Generaloberst befördert wurde. Unter Bersarins Kommando erreichte am 21. April 1945 die 5. Stoßarmee als erster sowjetischer Truppenteil Berlin-Marzahn und kämpft sich bis zur Reichskanzlei durch. Drei Tage später ernannte ihn Marschall Schukow zum Stadtkommandanten.

Er bescherte den Überlebenden in der Trümmerwüste kein »vae victis«, sondern vermochte es, die Stadt innerhalb einiger Tage wenigstens teilweise wiederzubeleben. So führte er eine Stadtpolizei ein, ließ den ersten Nachkriegsmagistrat gründen, sorgte für die Wiederherstellung des Gesundheitswesens und die Versorgung der Menschen mit Grundnahrungsmitteln. Um Plünderungen und Vergewaltigungen marodierender Soldaten einzudämmen, führte Bersarin drakonische Strafen ein und ließ Vergewaltiger erschießen. Mitte Mai gab es wieder Strom, Gas und Wasser, am 13. Mai rollte der erste Bus in Zehlendorf, am selben Tag fand im Rathaus Schöneberg das erste öffentliche Konzert statt, und es spielten wieder 15 Kinos. Bersarin appellierte »Helfen Sie mir!« an deutsche Regisseure und Schauspieler wie Heinrich George und Gustaf Gründgens, um schnellstmöglich die Theater wiederzueröffnen. Er sprach sich auch für den Religionsunterricht an den Schulen aus und regte den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde an. Egal, ob in Neukölln ein U-Bahnhof eingeweiht oder irgendwo eine Straßenbahnweiche installiert wurde, Bersarin war rastlos in Berlin unterwegs. Oft benutzte er dafür ein Pferd oder ein Motorrad, was auch seinem Charakter entsprach, der durchaus auch Abenteuer und Risiko suchte.

Bei einer solchen Fahrt mit seiner geliebten Zündapp raste er am 16. Juni 1945 in einen Lkw-Konvoi, genau an der heutigen Kreuzung Am Tierpark/Alfred-Kowalke-Straße in Friedrichsfelde, nicht weit von seiner Kommandantur entfernt. Daß der Unfall in Wirklichkeit ein Mord von Stalins Geheimdienst NKWD war, ist nur eine von vielen Legenden, die sich um Bersarins zweimonatiges Wirken in Berlin ranken.

Am 31. Juli 1947 wurden die Petersburger Straße und der Baltenplatz nach Nikolai Bersarin umbenannt, 1975 verlieh ihm der Ostberliner Magistrat posthum die Ehrenbürgerschaft Berlins. Hier wurde kein Held auf einen Denkmalssockel gestellt, sondern ein Mann geehrt, der in seiner Funktion Organisationstalent und Menschlichkeit bewiesen hatte. Bersarin war als Militär kein »Eisenfresser«, aber auch kein Dissident gegen Stalins Willkürapparat. Es war auch nicht allein sein Verdienst, wenn die rachedurstigen Truppen diszipliniert wurden, sondern strenger Befehl des sowjetischen Oberkommandos. Und natürlich entsprachen die Maßnahmen, die er in Berlin durchsetzte, den strategischen Überlegungen aus dem Moskauer Kreml. Doch Bersarin setzte die Befehle nicht stur um, sondern zeigte persönlichen Einsatz, Energie und Einfühlungsvermögen.

Um so absurder das Schmierentheater, als in der Entstalinisierungseuphorie nach der »Wende« Bersarin nicht in die Gesamtberliner Ehrenbürgerliste übernommen und die nach ihm benannte Straße rückbenannt wurde. Als Begründung wurde die Mär gestreut, Bersarin trage die Verantwortung für die Deportation von 47.000 Balten. In der Debatte im Abgeordnetenhaus mußte CDU-Fraktionschef Klaus-Rüdiger Landowsky einer PDS-Abgeordneten sogar den Vogel zeigen, um die Abstimmung herumzureißen. Nachdem sich die Beschuldigungen als völlig haltlos erwiesen hatten, wurde erst 2003, unter dem rot-roten Senat, Nikolai Bersarin wieder zum Ehrenbürger der Stadt erklärt. Auf eine Entschuldigung wartet Bersarins Familie noch heute. 

Literatur:

Lutz Prieß: Nikolaj E. Bersarin. Ehrenbürger von Berlin. Berlin 2005
P. Jahn, (Hg.): Nikolaj Bersarin. Berliner Stadtkommandant, Elefanten Press, Berlin 1999
Grigorij Weiß: Am Morgen nach dem Kriege. Erinnerungen eines sowjetischen Kulturoffiziers, Verlag der Nation, Berlin 1981