»Der Weiße Schwan, der aufsteigt aus den Trümmern Berlins«, so beschrieb Architekt Hermann Henselmann das von ihm konzipierte Hochhaus an der Weberwiese, das Anfang der 50er Jahre auf einem Trümmergrundstück nahe des einstigen Komtureiplatzes erbaut wurde.

Wenige Monate zuvor war er nicht so euphorisch gewesen, nachdem die SED-Führung 1950 ihre »16 Grundsätze des sozialistischen Städtebaus« verkündet und Henselmann und andere Architekten für ihre Entwürfe heftig kritisiert hatte. »Schlichte Proletarierwohnungen zu bauen … das war unsere Haltung«, schilderte Henselmann selbst. »Jetzt verlangten aber unsere Genossen von uns, diesen revolutionären Ar­chi­tekten, daß wir auch unsere

Häu­ser schmücken, mit Ornamenten oder sonst was – das war Verrat, nach meiner Meinung! Und da haben wir natürlich aufgebrüllt wie verwundete Stiere, ich besonders.« Seine Dichterfreunde Erich Weinert und Bertolt Brecht konnten ihn erst nach langen Gesprächen auf Parteilinie bringen, und im August 1951 wählte der Ostberliner Magistrat den Henselmann-Entwurf für das erste Hochhaus auf dem Boden der DDR aus. Am 1. September erfolgte die Grundsteinlegung durch Oberbürgermeister Friedrich Ebert, die in das Fundament eingelassene Kassette enthielt eine Ausgabe der KPD-Zeitung Rote Fahne von 1925 – ein Verweis auf die revolutionären Traditionen im Berliner Osten.

Die Bauarbeiten erfolgten im rasanten Tempo, auch nachts unter Flutlichtscheinwerfern. Der DDR-Rundfunk berichtete aus einem »Funkhaus an der Weberweise« über das Flaggschiff für den Aufbau der künftigen Stalinallee, in einem Lied hieß es: Es wächst in Berlin, in Berlin an der Spree/ein Riese aus Stein in der Stalinallee./Die Spatzen vom Alex, die zählen bis acht/und schon ist wieder ein Stockwerk gemacht. Am 19. Januar 1952 wurde Richtfest gefeiert, am 1. Mai zogen Arbeiterfamilien in die 33 Wohnungen ein. Alle mit drei Zimmern, knapp 100 Quadratmeter groß, mit einer sensationellen Raumhöhe von 3,30 Metern und großzügigen französischen Fenstertüren, für die damalige Zeit sehr modern ausgestattet mit Einbauküche, Abstellkammer, Warmwasser, Zentralheizung, Aufzug und Gegensprechanlage. Das 35 Meter hohe Haus besticht mit seiner Symmetrie, je vier Wohnungen sind auf jedem der acht Obergeschosse um ein innen liegendes Treppenhaus gruppiert, der Mittelteil ist mit weißen Keramikplatten verkleidet, die Fassade zurückhaltend mit Ornamentik verziert. Bekrönt wird das Hochhaus mit einem gläsernen Aufbau, eingerahmt von einer Dachterrasse und Balustrade.

Auf Bitte Henselmanns hatte Brecht für das Hauptportal eine Inschrift verfaßt, die jedoch nicht verwendet wurde: »Dieses Haus wurde ohne Rücksicht auf Gewinn zum Behagen der Bewohner und Wohlgefallen der Passanten errichtet.«. Vielmehr wurde in den schwarzen Marmor, der aus Hermann Görings Landsitz Carinhall stammt, ein anderer Brecht-Vers eingemeißelt: »Friede in unserem Lande, Friede in unserer Stadt, daß sie den gut behause, der sie erbauet hat«.

Das Haus, das einst als Leuchtturm aus einem Trümmermeer herausragte, das als Stein gewordenes Versprechen die Zukunft des Sozialismus verkünden sollte, wurde 1999 gründlich saniert. Nur Dachterrasse und Wintergarten sind nicht mehr zugänglich, da die Tragfähigkeit des Daches nicht mehr gewährleistet ist. Wie das manchmal so ist mit Basis und Überbau …

Thomas Heubner - Oktober 2009