Das Bier von hier

Noch vor hundert Jahren zählte in Friedrichshain gebrautes Bier zur Weltspitze. Doch dann starben die Brauereien von der Friedrichshöhe bis Stralau. Lange Zeit gab es das nicht mehr, das Bier von hier. Bis zum Februar dieses Jahres, als nämlich Philipp Brokamp in der Wühlischstraße seine Hausbrauerei nebst Schankstube eröffnete.

Auf dem Schild über der Kneipentür sowie auf den Bierdeckeln steht HOPS & BARLEY, inspiriert von der gleichnamigen Biertrinker- und Punkrockhymne von Wat Tyler und locker zu übersetzen mit Hopfen und Malz – Gott erhalt’s, oder so ähnlich. Wie es scheint, ein kämpfe­rischer Akt des heroischen Widerstands gegen übermächtige Einheits­plörren wie Bitburger oder Carlsberg. Doch Brokamp weiß, was er tut. Schließlich lernte er von der Pike auf Brauer, schuftete in verschiedenen Brauereien, studierte an der TU Berlin Brauereitechnologie und durf­te sich seitdem Diplombraumeister nennen. Als dann noch eine große Liebe in der Hauptstadt hinzukam, war es nur noch ein kleiner Schritt in die Selbständigkeit. Ein gewagter zweifellos, denn die Banken standen nicht Schlange, um dem Jungunternehmer unter die Arme zu greifen. Kein Problem für den leidenschaftlichen 33jährigen: Mit eigenen Händen und der Hilfe von ein paar Freunden wurde der alten Fleischerei neues Leben eingehaucht, die wunder­schönen alten Fliesen und Fleischerhaken blieben erhalten, Sitzbänke wurden gezimmert, Polsterstühle neu bezogen, Dielen abgeschliffen, Wände gestrichen. Kein szeneüblicher Schnickschnack mit abgeschlagenem Putz, blanken Mauerziegeln und modisch-lang­wei­ligen Farbtönen zwischen Ro­sen­holz und Terracotta. Dafür ein zärtliches Frauenhändchen etwa bei den Lampen, der großen Blumenvase oder den dunkelroten Sitzbezügen. Ein Wohlfühlambiente, das von den Gästen – bunt gemischt vom alteingesessenen Kiezbewohner bis zur neu zugezogenen Studentin – auch beim Public Viewing zur Fußball-EM oder sonntags abends beim Tatort geschätzt wird.

Blickfang ist natürlich die Sudanlage, also der Teil, der nicht im Keller versteckt ist, die Würzpfannen mit ihren Kupferhauben, in denen das Maischen und Würzekochen erfolgt. Gebraut wird nach einem Free Beer-Rezept, was weniger mit Freibier zu tun hat denn mit einem Open Source-Computerprogramm, also einem lizenzfreien Rezept, wobei der Braumeister nach Gusto kreativ variieren darf. Drei Wochen dauert es vom Einbrauen bis zum fertigen Bier, 14 Stunden ackert Philipp Brokamp an einem normalen Brautag, 200 Liter kann er an einem Tag schafften. Das »Abfallprodukt« Malztreben wird zum Teil in der gegenüberliegenden Altberliner Bäckerei zu Brot verarbeitet, das Hauptprodukt fließt aus dem heimischen Zapfhahn: echtes Friedrichshainer Pils, Dunkles, Weißbier und Cider, das 0,3er jeweils zu 1,90, das 0,5er zu 2,80 Euro. Ich hielt mich ans goldfarbene, leicht naturtrübe Pilsner: makellos kühl, angenehme Bittere, feines Hopfenaroma. Ein Hochgenuß. Während ich mir den Schaum von den Lippen wischte, pflanzte Cristiano Ronaldo den Ball zum 2:1 ins Tor der Tschechen. Da braute sich noch mehr zusammen.

Justus Hackmann

Hops and Barley in der KiezApp Friedrichshain