Auf Wiedersehen, altes Haus! Es wird aber leider keins geben!

Ich kenne das Café Sibylle seit Kindertagen, bin dort gleich um die Ecke an der Weberwiese aufgewachsen. Das ist nun einige Jahrzehnte her und ich lebe immer noch im Friedrichshain und zwar sehr gern. Durch die KiezApp bin ich nun viel im Kiez unterwegs und sehe vieles kommen und gehen. Das ist schon auch normal, eigentlich ist Veränderung oft auch gut, aber eben nicht immer. Schon gar nicht, wenn es um „alte Originale“ geht, die einem ans Herz gewachsen sind, die niemanden etwas tun.

Leider ist in den letzten Jahre vieles verschwunden, was lange zum Kiez gehörte, ihn auch ausmachte. Natürlich wird auch Wohnraum dringend benötigt, die Frage ist nur wer sich das dann was die Miete betrifft leisten kann. Ich persönlich habe den Eindruck, das nur ein wirklich sehr geringer Teil der neu gebauten Wohnungen für Menschen mit einem „gewöhnlichen“ Einkommen bezahlbar sind. Also ehrlich gesagt, ich habe auch ohne selbst direkt auf der Suche zu sein, noch nie ein Mietangebot im Kiez gesehen, wo ich sagen würde: Das klingt gut, wäre denkbar, schau ich mir mal an! NULL

Aktuell gibt es ja wirklich gerechtfertigte Bewegung gegen den Mietenwahnsinn und der damit folgenden Verdrängung, der stellenweise seltsame „Blüten“ trägt. Die Immobilienwirtschaft heißt ja nicht ohne Grund Wirtschaft, klar geht es um Investitionen und darauf folgenden Gewinn über Mieteinnahmen oder Verkäufe. Da werden doch tatsächlich, vermutlich um die Mietpreisbindung zu umgehen, kleine Apartments komplett möbliert neu gebaut und vermietet. Bei deren Mietpreisen ist Renate von REWE Kasse 4 da wohl ehr nicht die Zielgruppe, obwohl ihr eine kleine Wohnung reichen würde. Wer also ist die Zielgruppe? Für junge Familien sind die kleinen Dinger mit einem Zimmer garantiert auch nicht geeignet. Was bleibt da noch an Zielgruppe? Ich denke es sind Geschäftsleute die regelmäßig in Berlin zu tun haben, aber eigentlich ganz wo anders wohnen, oder große Unternehmen die diese Wohnungen für ihre Vertriebsmitarbeiter durchgehend anmieten um damit Hotelkosten zu sparen? Würde sich für die Unternehmen ja prima rechnen. So eine voll möblierte 1 Zimmerwohnung ist für um die 1000 € im Monat zu bekommen, sagen wir mal 16- 20 Hotelübernachtungen im Monat garantiert nicht. Haben wir also hier die Zielgruppe gefunden? Vermutlich!

Derzeit gibt es auch in der Knorrpromenade 8 sehr viel Unruhe und Unsicherheit, die man in dieser gesetzten ruhigen und schönen Straße gar nicht vermutet. Da wurde nichts neues gebaut und die Häuser stehen dort seit 1913. Über meinen kleinen KiezGestalten e.V, der sich seit etwa 7 Jahren für die alten und fast vergessenen Schmucktore an der Knorrpromenade einsetzt, habe ich auch Kontakt zu vielen Mietern in der Knorrpromenade. Dort wurde das gesamte Haus von einem privaten Besitzer, an ein Immobilienunternehmen verkauft. Im Prinzip ja ein normaler Vorgang, auch Häuser wechseln mal den Besitzer. In diesem Fall ist der ehemalige Besitzer ein betagter Arzt, der nun aus persönlichen Gründen verkauft hat. Vor kurzem habe ich mich dann deshalb mal mit einigen Mietern getroffen, weil mich die Hintergründe und die Schicksale der Leute einfach interessieren. Es ist eine wirklich nette Hausgemeinschaft, relativ wenig Fluktuation, man spürt Zusammenhalt, die Kinder spielen, wachsen gemeinsam auf, lernen zusammen auf dem kleinen Bolzplatz an der Ecke zur Krossener Straße Fahrrad fahren. Weg will dort eigentlich niemand. Der Zustand des Hauses ist nicht so gut wie es von außen den Anschein hat, es müsste schon auch einiges in Ordnung gebracht werden. Vielleicht ist auch das ein Teil des Grundes für den Verkauf. Nachvollziehbar. Der neue Eigentümer macht aber derzeit so gut wie gar nichts mehr an Reparaturen und plant eine umfangreiche Sanierung. Was dann je nach Ausstattungslevel an Mietsteigerungen zu erwarten ist, kann man sich ja denken. Viele werden wegziehen, wegziehen müssen, was viele natürlich traurig macht. 

Ich denke hier ist der Gesetzgeber, die Stadt, sind die Bezirke in der Pflicht, sinnvolle Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Kirche im Dorf bleibt!

An die Immobilienwirtschaft: Geiz ist gar nicht geil, Gier allerdings auch nicht!

 

Karsten Frank (KiezGestalten e.V, KiezApp-Friedrichshain)                                                                                                    

Foto: Die liebe Petra Konschak von umme Ecke! Danke Petra!

 

Hier zwei Links zu Artikeln über das Café Sibylle:

Berliner Woche, vom 05.03.2018

http://www.berliner-woche.de/friedrichshain/wirtschaft/institution-in-gefahr-was-wird-aus-dem-caf-sibylle-d143821.html

Neues Deutschland vom 04.04.2018

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1084302.abschied-vom-cafe-sibylle.html